Ist Arbeitsstress abhängig vom Sozialstatus?

Der Mythos vom gestressten Manager: Vergessen wir da nicht was für’s BGM? 

Lange hält sich der Mythos, dass Führungskräfte in hohen Positionen deutlich häufiger Stress erleben als Mitarbeitende weiter unten in der betrieblichen Hierarchie. Diese Annahmen rührt wohl daher, dass Arbeitsstress oft mit hoher Arbeitslast, Verantwortung und vollem Terminkalender gleichgesetzt wird. Dies greift jedoch zu kurz, da Arbeitsstress vielschichtiger ist und wie weiter unten beschrieben ist, viele Belastungen sozial ungleich verteilt sind. Das Bild zum Blog zeigt eindrucksvoll, dass Menschen mit ‚very high occupational status‘ (also die Personen mit hohem Berufsstatus) bei beiden Job-Stress-Indikatoren am wenigsten belastet sind und je niedriger der Berufsstatus, desto höher die Belastungen (Wahrendorf et al., Eur Sociol Rev, 2012).

Viele Jahre forschte ich über soziale Ungleichheit in der Gesundheit und daher möchte ich hier einige Insights zu sozialen Unterschieden von Arbeitsstress teilen. Oft vergessen wir, dass vor allem Menschen aus bildungsfernen Schichten in unqualifizierten Berufen das höchste Risiko für Arbeitsstress tragen:

-  Häufiges Ungleichgewicht zwischen Geben und Nehmen bei der Arbeit führt zu einem Gefühl von Unfairness, das das Stresszentrum im Gehirn feuern lässt, z. B. körperlich anstrengende Arbeit in lärmigem Umfeld für wenig Wertschätzung und schlechte Bezahlung (z. B. Siegrist & Li, Int J Env Res Public Health, 2016)

- Häufig haben Menschen in statusniedrigen Jobs weniger Kompetenzen im Umgang mit Stress (z. B. geringe Selbstwirksamkeit, ungünstige Coping-Mechanismen, weniger soziale Unterstützung; z. B. Siegrist & Marmot, Soc Sci Med, 2004)

- Oft ist der Handlungsspielraum klein & sich aktiv einzubringen ist nur begrenzt möglich, was ein Gefühl von Machtlosigkeit vermittelt, das wiederum Stressreaktionen auslöst (Karasek & Theorell, New York, Basic Books, 1990).

- Oft findet Erholung weniger Platz im Alltag oder das Wissen ist beschränkt, wie die Batterien schnell wieder aufgeladen werden können.

- Häufig besteht akuter finanzieller Druck oder wenig Wahlmöglichkeiten auf dem Jobmarkt, was dazu führt, dass schlechte Arbeitsbedingungen hingenommen werden (Siegrist, J Occup Health Psychol, 1996).

Wenn wir also betriebliches Gesundheitsmanagement aufgleisen wollen das allen Hierarchiestufen einen Mehrwert bietet, brauchen Mitarbeitende aus statusniedrigeren Positionen besondere Beachtung.