Gratifikationskrise und Depression
Ist Geben und Nehmen bei der Arbeit über längere Zeit nicht im Gleichgewicht, sprechen wir von einer Gratifikationskrise (Siegrist, J Occup Health Psychol, 1996). Eine Meta-Analyse über 8 prospektive Kohortenstudie mit rund 85'000 Beschäftigten untersucht den Zusammenhang zwischen Effort-Reward Imbalance (Gratifikationskrise) und Depressivität. Die Analyse zeigt, dass das Risiko eine Depression zu entwickeln bei Arbeitskräfte mit Effort-Reward Imbalance um rund 49 % erhöht.
Das ERI-Modell ist seit der Erstveröffentlichung (Siegrist, 1996) zum Klassiker in der Arbeitsstress-Forschung geworden. Doch was steht eigentlich auf den beiden Seiten der Waagschale Geben und Nehmen?
Folgende Aspekte stehen auf der Effort/Geben-Seite:
Wegen hohen Arbeitsaufkommens unter Zeitdruck arbeiten, Unterbrechungen in Kauf nehmen, Verantwortung tragen, Überstunden leisten, körperlich belastende Arbeit ausführen, Steigerung der Arbeitsdichte managen
Folgende Aspekte stehen auf der Reward/Nehmen-Seite:
Für Geleistetes Anerkennung erhalten, in schwierigen Situationen unterstützt werden, fair behandelt werden, Möglichkeiten für Aufstieg und Weiterentwicklung haben, der Ausbildung entsprechende Stellung innehaben, angemessenen Lohn erhalten, keine Verschlechterung der Arbeitssituation erwarten müssen, Arbeitsplatzsicherheit erfahren
Was können wir daraus für die Praxis lernen?
Das Modell verdeutlicht den sozialen Aspekt von Arbeit: Es geht nicht nur um finanzielle Belohnung, sondern auch darum, als Mensch gesehen und wertgeschätzt zu werden, sich weiterentwickeln zu können und sich fair behandelt zu fühlen. Ein Missverhältnis zwischen Einsatz und diesen psychosozialen Belohnungen löst Stress aus, weil das tief menschliche Grundbedürfnis nach fairem Austausch verletzt wird. Es bleibt also zentral, den fairen Austausch durch gesunde Rahmenbedingungen (z. B. angemessene Arbeitslast) und kulturelle Werte der Zusammenarbeit (z. B. wertschätzender Umgang) sicherzustellen.